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08.03.2011, 20:52

Kelten und Normannen

Beim Studiern der schottischen Geschichte bin ich wieder auf eine interessante Frage bzw. Erkenntnis gestossen.
Der schottische Adel kam - so habe ich gelesen - fast ausschließlich ursprünglich aus der Normandie, hat also normannische Wurzeln. Ist das so korrekt?
Die Clans waren dagegen Kelten, oder ?
Eigentlich stießen dann zwei Parallelgesellschaften aufeinander: Normannen und Kelten, Adel und Chieffs ?
Kann man das so sagen, auch wenn es natürlich die Sache vereinfacht?
It could be worse

2

09.03.2011, 23:58

... mal ganz stark verwinfacht

Zitat

Der schottische Adel kam - so habe ich gelesen - fast ausschließlich ursprünglich aus der Normandie, hat also normannische Wurzeln. Ist das so korrekt?




So nicht. Ein Teil des schottischen Adels ist normannischer Abstammung. Aber ...

There were five people that built the Scottish Nation ...

Oder wie es auf der offiziellen Website der British Monarchy heißt:
"At one time, Scotland was occupied by five different peoples. The Picts lived in the large area north of the rivers Forth and Clyde. The Scots, from Ireland, made their home in Argyll in the fifth and sixth centuries. The Angles held Lothian, the ancient Britons had retreated to Strathclyde, and, in the ninth century, the invading Norsemen settled in Orkney, Shetland, Caithness, Sutherland and the Western Isles." - Zwei keltische vs. drei nicht keltische Volksgruppen.

Dieser Prozess der Staatenbildung begann mit ganz zaghaften Anfängen (Kenneth MacAlpin) im 9. Jh. und fand seinen Abschluss etwa mit Robert the Bruce und seinen Nachwirkungen.

Zu der Zeit, die Du jetzt ansprichst, also die Zeit nach 1066, gab es bereits einen schottischen Einheits-König, wenngleich Schottland gerade in der Erbfolge von Edgar zweigeteilt war zwischen David und Alexander, die beiden entscheidenden Könige, was die Diffusion normannischen Adels nach Schottland anbelangt (David war ja im englischen Territorium stark begütert und selbst am englischen Hof - zusammen mit den normannischen Junkern - erzogen worden). Sicher war Schottland zu der Zeit in weiten Teilen noch irgendwie "keltisch" geprägt, allein diese "Prägung" hielt sich in engen Grenzen, wobei man zwischen "Stadt und Land" im Sinne von "Hof und Führungskaste vs. gemeiner Landbevölkerung wohl wird unterscheiden müssen. Hofsprache etwa war das frühe Scots, NICHT Gälisch. Der religiöse Touch entsprach mehr und mehr dem römischen Ritus, die alte iro-schottische Mönchskirche hatte ausgedient bzw. wurde etwa von David zunehmend ins Abseits gestellt.

Man sollte auch in ihrer Bedeutung die Tatsache nicht unterschätzen, dass die normannischen Adligen in weiten Teilen Schottlands auf ihre Vettern dänischer und norwegischer Abstammung stießen. Da war weit und breit nichts mehr mit unmittelbarem, keltischen Einfluss. Der ganze Osten von den northumbrischen Teilen Schottlands über die Lothians, Fife, Moray, Ross, Angus, Sutherland, Caithness, Orkney & Shetland dazu auch Teile der westlichen Inselwelt waren seit Jahrhunderten dem keltischen (Herrschafts-)Einfluss entzogen, wurden so zu sagen 'skandinavisch' beherrscht.

Fasst man das zusammen, müsste der Gegensatz wohl richtiger lauten "eindringende Normannen vs. sich etablierender schottischer Adel", nicht aber Normannen vs. Kelten.

Der Gegensatz lautete auch nicht "Adel vs. Chiefs", wie Du meinst. Das schottische Clanwesen wird im weitläufigen Sinne als eine 'tribal society' bezeichnet, dabei handelt es sich aber nicht um 'Stämme' in unserem landläufigen Verständnis sondern um Familien - parallelisiert mit den Verhältnissen in D (unbeschadet aller Unterschiede): 'tribal' nicht im Verständnis unserer Stämme wie Sachsen oder Franken, sondern Familien, wie vielleicht die Billunger oder Ezonen, die 'Chiefs' als Familienobhäupter (dabei nicht einmal als Dynastiengründer) nicht im Sinne von Stammesfürsten wie unsere Sachsen- oder Frankenherzöge. Man kann die Chiefs nicht automatisch mit dem neuen feudalen Adel gleichsetzen, den die normannischen Zugereisten vertreten; erst viel später, 150 bis 200 Jahre später, als sich im Zuge der weiteren Ausbildung der Nacio Scotorum die Feudalstrukturen festigten, sich an Familien gebundene Hof- und Staatsämter entwickelten, sehen wir dann auch 'schottische Familen / Clans', die entsprechende Rechte auch für sich forderten und in diese Feudalstrukturen so zu sagen 'hineinwuchsen'. Schau Dir an, wer die Declaration of Arbroath unterzeichnet hat: Da haste dann das Nebeneinander von 'Normannen' und 'Schotten' - zu frühern Zeiten durchaus Quell etlicher Auseinandersetzungen (betrachtet man etwa die Anhängerschaft des Bruce).

Die Parallelgesellschaften in Deinem Sinne, die da aufeinanderstoßen, dass sind einmal die komplett feudal durchstrukturierte, normannische geprägte Adelswelt und dann die schottischen Familiengesellschaften (um nicht zu sagen die verschiedenen, teils noch heftigst rivalisierenden High- und Lowlandcliquen), die sich erst später anpassten und sich in das (neue !) feudale Gefüge einfügten. Überspitzt: Staatstragend die einen, das Sippengut mehrend die anderen.

Aber auch das ist sehr vereinfacht ... ;)
Islander

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